Freitag, 6. Januar 2012
Das war Canada.
Hallo,

das wird jetzt vermutlich mein letzter Blogeintrag. Es ist Time to say Goodbye.

Die letzten Tage waren wirklich seltsam. Es gibt immer wieder Momente der großen Vorfreude. Ich komm ja am Samstagmorgen an und werde direkt von Mama, Peter und Carmen in Empfang genommen. Und zu Hause zum Frühstück wartet dann sogar noch Caro auf mich! :) Und dann ist ja immer volles Programm – eigentlich keine Zeit für Jetlag. Trotz allem laufe ich hier durch die Straßen, fotografiere gefühlt jedes 2. Haus, aus Angst, irgendwann zu vergessen, wie es hier aussah. Es hat wieder geschneit. Zwischendrin gab es Regen und Temperaturen über null. Dann waren es wieder -18°. Gefühlt -27°. Sagt der Wetterbericht. Ich frage mich, wie man eine gefühlte Temperatur misst…Nun gut.
Ich war viel spazieren, einfach so. Ich habe Souvenirs gekauft. Ich war auch noch mal schwimmen, in der Sauna und hab meine Nachhilfe beendet. Gestern Abend – also am Donnerstag waren wir noch was essen – schön Burger und Pommes zum Abschied. Aber nicht McDonalds oder so, sondern ein Restaurant. Fastfood mal slow. Es ist jetzt früh am Morgen und meine Küchenschränke sind so gut wie leer. Also geh ich mir gleich zum Frühstück einen Donut gönnen. Zum Abschied haut man eben noch mal ordentlich rein, ne.

Gestern hab ich meine Koffer aus dem Schrank geholt. Ich hab mich noch nie so schwer getan mit dem Koffer packen. Ich hab nur geheult. Es gibt immer wieder so Phasen, wo ich eigentlich komplett neben mir stehe. Dann geht es wieder. Also ich lauf jetzt hier nicht nur deprimiert durch die Gegend, aber eben immer mal wieder.

Da es hier keine Waage im Haus gibt, nehm ich meinen Koffer auch so auf gut Glück mit an den Flughafen. Ich mag ja Überraschungen.

Ich habe diese Woche auch viel Zeit mit dem Aussortieren meiner Fotos verbracht. Ich hab einfach online schon mal die bestellt, die ich entwickelt haben will. Ein großes Poster vom See im Nationalpark gibt es auch. Dabei war ich also gezwungen, mir ALLE meine Erlebnisse hier noch mal anzuschauen. Und da hab ich mir überlegt, was war eigentlich das Beste hier? Welches war das schönste Erlebnis? Ich versuch mich mal an einer Top 3 der besten Events. Fangen wir mal mit den Ausflügen an:

Platz 3…
…geht an die Niagarafälle. Gar nicht, weil sie so speziell schön sind. Auch nicht, weil ich den Sturm und das Unwetter an dem Tag so genossen habe oder weil ich meinen Schirm dort habe wegschmeißen können. Sondern einfach, weil ich seit dem Geo-Unterricht bei Herrn Liebhold dachte: Wow, da will ich einmal in meinem Leben stehen! Das will ich sehen! Et voilà, Haken hinter.

Platz 2…
…geht an die USA-Reise. New York, Boston und Philadelphia in einer Woche. Platte Füße, Übermüdung und komplette Überforderung mit all den Eindrücken und Erlebnissen. Ich hatte eine unglaublich tolle Woche – nicht zuletzt weil ich mich mit Christina so gut verstanden habe. Und ich würde mich schwarz ärgern, wenn ich jetzt nach Europa zurückkäme und nie in New York gewesen wäre – so nah dran! Das war wirklich großartig.

Platz 1…
…hat gefühlte 10 Mio Lichtjahre Vorsprung vor Platz 2: Das Wochenende im Nationalpark. Kanu fahren, Campen. Natur pur. Bunte Wälder des Indian Summer soweit man gucken kann. Das alles mit tollen Leuten um mich herum. So ist Canada. Deswegen war ich hier. Tausend Bilder und Erinnerungen. Mit Sicherheit einer der schönsten Flecken der Erde. Und ich war dabei.

Aber es gab auch kulturelle Highlights. Dazu vielleicht keine Top 3, aber Coeur de Pirate war schon genial. Maria Schneider mindestens genauso! Und der Nussknacker! Und vielleicht kann man sogar so manchen Straßenmusiker als kulturelles Highlight bezeichnen.

Und ich nehm so viel mit aus diesen 4einhalb Monaten. Ich habe so tolle Menschen hier kennengelernt, von denen ich so viel lernen konnte, mit denen ich so viel gelacht habe. Auch die Tatsache, mal 3 Monate mit einer alkoholkranken armseligen Existenz eine Wohnung zu teilen, das war sicher nicht lustig, aber doch eine Erfahrung.
Mir war im Sommer zu heiß und im Winter so manches Mal zu kalt. Ich hab viele leckere und manche weniger leckere Spezialitäten probiert. Poutine, Cupcakes und co. werden mir fehlen – manche mehr, manche weniger.

Da kommen wir doch mal dazu: mal sehen, welche Dinge ich denn nun tatsächlich vermissen werde, welche nicht so. Und worauf freue ich mich jetzt, denn irgendwie muss es ja weitergehen?

Was ich vermissen werde:

- die Mädels
- funktionierende Organisation an der Uni
- nette, entgegenkommende, an ihren Studenten interessierte Professoren
- mit dem Strom in die Metro einsteigen
- mit der Metro zur Uni fahren
- täglich Google maps nach dem Weg zu unseren Treffen befragen
- unendliche Freizeitangebote
- den riesigen Sportkomplex an der Uni
- das Slalomlaufen, um nicht aus Versehen ein Eichhörnchen platt zu treten
- Dank Zeitverschiebung schon nachmittags Tatort gucken können
- crunchy peanut butter
- scheinbar permanent geöffnete Bibliotheken
- sonntags einkaufen
- die „tsé“ und „leuh“ und sonstige niedliche Eigenheiten der Quebecer Sprache
- „mein“ Park Lafontaine
- Joggen im Schnee
- knallbunte Ahornblätter im Indian Summer
- das Umrechnen der Preise und die Freude darüber, dass in Euro alles viel billiger aussieht
- das Warten auf Lise und Marie, die sich verlaufen haben
- Julias Kochkünste
- Haare, die mir am Schal festfrieren, weil es sooo kalt ist
- permanentes Zeitumrechnen und sich freuen, dass der Tag bei mir noch mehr Stunden hat, als bei euch
- die teilweise wirklich großartigen Musiker in der Metro
- seltsame Ampelregelungen, die man bis zum Ende nicht begreift
- den großartigen Blick aus meinem Zimmer im 8.Stock
- gelbe Simpsons-Schulbusse
- Autos ohne Kennzeichen vorne
- Typisch amerikanisches Tatütata
- Temperaturstürze von 15° über Nacht


was ich nicht vermissen werde:

- die vollgestopfte Metro zur Stoßzeit am frühen Morgen
- die allgemeine Hitze in der Metro
- die übertriebenen Preise für Wein, Käse, Milchprodukte und Schokolade
- Trinkgelder ausrechnen (Kellner bekommen kein Gehalt sondern nur ihr Trinkgeld, sodass man nie zu wenig geben darf – aber mach mal 15% von $5,60!)
- wabbeliges „Brot“
- nicht mal schnell zu Hause anrufen können
- ständiges „Den-Adapter-Suchen“ zum Laden sämtlicher Akkus
- den heftigen Wind, der mir die Frisur – sofern vorhanden – zerstört, sobald ich die Metro betrete
- permanent mit schlechtem Gewissen an Obdachlosen vorbei gehen, ohne ihnen was zu geben
- Wände und geschlossene Zimmertüren ignorierendes lautstarkes Rülpsen meiner Nintendo-spielenden Mitbewohner

worauf ich mich jetzt freue:

- auf den Moment, wenn am Flughafen die Tür aufgeht und ich euch in die Arme laufe
- auf das Wiedersehen mit ganz vielen lieben Menschen
- leckeres Essen, was immer pünktlich auf dem Tisch steht, ohne dass man selbst den Hintern hätte bewegen müssen
- dass Mama die Wäsche macht
- meine Gitarre und das Akkordeon
- mein Auto
- laue Thüringer möchte-gern-Winterluft
- meine Wahlheimat Südfrankreich
- Glühwein und Omas Weihnachtsessen
- Rotz und Wasser zu heulen, wenn ich meine entwickelten Fotos anschaue und beginne, zu begreifen
- meinen gesamten Kleiderschrank zur Verfügung zu haben und nicht nur monatelang das, was in einen Koffer passt!
- meine SCHUHE! – ich habe hier über 4 Monate mit gerade 3 Paar Schuhen überlebt!!! (davon einmal Stiefel und Ballerinas, also je nach Wetter eigentlich nur 2 zur Auswahl, Laufschuhe zählen nicht! Und vor allem alles flache Schuhe!)

Die letzte Liste klingt ja doch so, als gäbe es ein Leben nach Canada. Ich bin gespannt. Ich wäre auf jeden Fall dankbar, wenn euer Sturm sich bald vom Acker macht, denn ich fliege ja nun bekanntlich eh nicht so gerne. Und so durch den Sturm zu landen…ach wisst ihr, das muss nicht sein.

Es ist jetzt 8h30. Julia holt mich 14h ab und begleitet mich zum Flughafen. Dann hoffe ich, dass ich ein bisschen schlafen kann. Wenn ich dann um 7h bei euch ankomme, ist es für mich eigentlich 1h. Zeit zum Schlafengehen. Das wird lustig.

Es wird ganz seltsam, irgendwie weiter zu machen. Seit Jahren träume ich von Canada. Schon im Listungssport damals haben wir uns gefreut, dass Vancouver im Rennen war für Olympia 2010, und wir haben ausgerechnet, dass das unsere ersten Olympischen Spiele sein könnten. Und dann noch in Canada! Jetzt hab ichs nicht zu Olympia geschafft. und auch nicht nach Vancouver. Aber ich vermute, das hier war tausendmal besser! Nur, wie macht man weiter, wenn man den einen großen Traum auf einmal abhaken kann, wenn er wahr geworden ist? Woher bekomm ich jetzt mein nächstes Ziel, einen neuen Traum? Das wird sicher nicht leicht jetzt. Vielleicht geht aber auch alles so schnell, dass eh alles wie von alleine passiert. Montag in ner Woche sitz ich ja schon wieder in Frankreich an der Uni!

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ich danke euch allen, die mir das hier ermöglicht haben!!!

Das war Canada.

Mein abschließendes Fazit:

Wow!

Die Franzi

... comment

 
nur ein wort
wundervoll!!!!

... link  


... comment