Montag, 19. Dezember 2011
Wenn es zu kalt ist zum Schlittschuhlaufen...
Hallo!

Jetzt sind es nun nicht mal mehr 3 Wochen. Ich kann das gar nicht begreifen. Wir alle nicht. Es ist hier grad eine ganz gefühlsduselige Zeit. Wir erwarten einerseits alle die Weihnachtszeit, den Winter und die Kälte. Andererseits wollen wir so gerne die Zeit anhalten. Jedes Mal, wenn ein Abend, eine Veranstaltung, ein Ausflug zu Ende geht, kommt ein mulmiges Gefühl in uns auf, und uns wird bewusst, wie schnell diese tolle Zeit vergangen ist. Was keiner wollte.

Aber was ist denn eigentlich passiert diese Woche?

Am Montag waren wir bei „Juliette et Chocolat“ – einem netten Café, welches bekannt ist für seine sündhaft leckeren Schokoschlemmereien. Und das Klischee wurde bestätigt. Ich hatte ein „Fondant au chocolat nappé au caramel“ mit Vanilleeis. Übersetzung? : eine verboten gute Schoko-Karamel-Leckerei, die eindeutig Gott selbst geschaffen haben muss. Ich habe noch nie in meinem Leben so langsam ein Dessert gegessen. Ich wollte einfach nicht, dass es vorbei ist. Mann, das war der Hammer und eindeutig eine Erwähnung hier wert! Und ein Foto im FB. :)

Unter der Woche habe ich noch meine Arbeit halbwegs fertig geschrieben und eine weitere abgegeben. Dann die Nachhilfe und so weiter. Auch wenn einfach null Motivation mehr da ist - was muss, das muss.

Am Donnerstag wollten wir dann auf einen kleinen Weihnachtsmarkt gehen. Es hat den ganzen Tag geregnet. Es waren so 6°. So abartig – kanadischer Winter sah im Fernsehen immer anders aus – etwa auch alles Fake und gescripted? Es war ja auch Maries Geburtstag. Wir haben uns also einen Glühwein gegönnt – läppische 4,50$ für etwa ein Schnapsglas Glühwein. Dazu heiße Maronen direkt über dem Lagerfeuer für uns zubereitet. Wenigstens hat es da dann nicht geregnet. Zu warm war es trotzdem – am Abend dann 11° - sodass ich zwischendurch fast Eiswürfel in meinen Glühwein bestellt hätte.
Danach waren wir noch bei St.Hubert essen – das ist so eine Kette, die hauptsächlich alles Mögliche ums Hähnchen anbietet. War ganz lecker, wenn auch nicht wirklich gesünder als die Schokosünde vom Montag. Ich habe dann gefragt, ob Geburtstagskinder nicht ein Dessert gratis bekommen oder so. Und dann kam der Kellner mit einem „Blowjob“ an. Marie hat sich sehr gefreut. :) Ich erspare mir jetzt die Übersetzung und die Erklärung – wer mag kann sich das Foto auf FB ansehen. Und ein sehr lustiges Video von Marie beim Versuch dieses Teil „zu schlucken“ gibt es auch. Sparen wir uns die Details. Nur so viel sei gesagt: ich hatte so unendlich Bauchschmerzen vor lachen! :D

Und am Freitag war es dann soweit: seit Wochen geplant, ungeduldig herbei gesehnt und doch gefürchtet: unser letzter Abend mit der ganzen Gruppe. Alle 9. Ab sofort ist immer mindestens einer nicht mehr dabei. Und die ersten fliegen am 22. heim. Wir haben bei Julia gegessen ohne Ende. Jeder hat was mitgebracht. Es hat uns tatsächlich an nichts gefehlt. Ich versuche mal, einen Großteil davon aufzuzählen: Kartoffelsalat, grüner Salat, gemischter Salat, mit Champignons und Schinken gefüllte Blätterteigdingens, Frikadellen (Bouletten, Fleischpflanzerl, es gab diverses Vokabular dazu), Käse, Baguette, Weintrauben, Cupcakes, Schokoeis, Obstsalat, Schoko-Cheesecake, Chips, Guacamole, Nüsse, und, und, und. Wir hatten logischerweise schnell volle Bäuche. Aber der Abend ging was länger, sodass sich das Buffet früh morgens erneut höchster Beliebtheit erfreuen konnte.
Dann wurde gewichtelt: die Lisa hat mir ein wirklich tolles Geschenk vorbereitet: ein Fotoalbum mit Bildern einiger unserer gemeinsamen Unternehmungen und mit noch ganz viel Platz zum Vervollständigen. Da hat sie sich total Mühe gemacht und ich hab mich wirklich ganz sehr gefreut.
Marie hat auch noch ihr Geburtstagsgeschenk bekommen: Ein Portemonnaie. Sie hatte keins. Stell sich das mal einer vor. Wir haben sie jetzt offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. :) Dazu gab es mal keinen Geburtstagskuchen, sondern eine eher kreative Version desselben: einen Teller Fischstäbchen mit Kerzen. Marie ist bei uns dafür bekannt, dass sie so gar nichts isst. Nichts mag sie. Zum Beispiel Orangensaft. Also so ganz normale Dinge. Aber Fischstäbchen, das isst sie. Und damit haben wir sie das ganze Semester über immer aufgezogen. Genau wie mit ihrer Nesquik-Idee. Sie hat mal gesehen, dass ein Laden dir die Differenz auszahlen würde, wenn du das Nesquik woanders billiger findest. Und sie hat es tatsächlich billiger gefunden und wollte uns nun von ihrer Geschäftsidee überzeugen, dass sie ja ganz viele Nesquik teuer kaufen kann und sich das Geld auszahlen lässt. Damit wollte sie reich werden. Es hat einiges an geduldiger Erklärungskunst gekostet, ihr begreiflich zu machen, dass sie nur die Differenz ausgezahlt bekommt und damit kein Geld gut macht, sondern am Ende allenfalls 20 Europaletten Kakao bei sich einlagern kann. So ganz überzeugt war sie am Ende immer noch nicht, sodass wir ihr eine Packung Nesquik geschenkt haben mit der Aufschrift: Der Beginn des Reichtums. Sie hat sich gefreut. :)
Wir haben uns auch mit sämtlichen Activity- und Trink-Spielchen köstlich amüsiert.
Letzten Endes, nachdem alles aufgeräumt war und Julias Wohnung wieder aussah wie vorher, sind wir mit der Metro nach Hause gefahren. Ich war kurz nach 6h morgens dann daheim – da hatte Mutti mir schon ne Mail geschickt und gemeint, sie muss jetzt Mittag kochen. Diese Zeitverschiebungssache find ich ja immer noch spannend. Dann konnt ich nicht schlafen und war putzmunter. Gegen 6h45 bin ich dann aber doch ins Bett gegangen und hab immerhin bis 11h geschlafen.

Der Samstag war dann ein guter Nichts-Tun-Tag. Ich hab mir am Nachmittag die komplette ZDF Ein Herz für Kinder-Gala angesehen. Das war am Ende ganz verrückt: Ich hab seit ein paar Tagen das Lied „Hallelujah“ im Kopf. Gefühlt 2000 verschiedene Versionen hab ich bei Youtube gesucht und so. Und es wollte nicht aus meinem Kopf gehen. Und dann kommt tatsächlich am Ende der Sendung genau dieses Lied. Nur für mich. Ganz sicher. :)

Aber dieses Lied passt einfach grad so unglaublich gut zur Stimmung. Ich hörs auch jetzt grad beim Schreiben in der Dauerschleife. Und wenn ich dazu Fotos anschaue oder die Abschiedsmails der Mädels lese, dann wird’s mir ganz anders. Seit einer Woche fließen hier täglich die Tränen.

Dann am Samstagabend wollten wir zum Schlittschuhlaufen in den alten Hafen in die Altstadt von Montréal. Da gibt es am Samstagabend auch seit 2 Wochen jede Woche Feuerwerk. Wir haben jetzt -8° gehabt auf einmal und haben uns zuerst sehr darüber gefreut: Endlich Winter!! Dann einmal im Hafen angekommen war uns schon so kalt. Dann waren so unglaublich viele Menschen da, das Eis sah schon nicht mehr so super aus, die Schlange für Tickets und Schlittschuhe war sehr lang… Kurz: wir hatten schon keine Lust mehr. Also wollten wir nur zum Feuerwerk da bleiben. Und da war er wieder: der wöchentliche Wow-Moment, in dem ich sooo große staunende, funkelnde Augen bekomme und nicht möchte, dass dieser Moment je aufhört. Also ich schwöre, dass ich noch nie ein so tolles Feuerwerk gesehen habe. Ich verschweige nicht, dass ich von wöchentlichem Geld-in-die-Luft-Gepuste an sich herzlich wenig halte. Aber das war KUNST! Es lief Musik dazu: unter anderem aus Schwanensee und Peer Gynt. Und das Feuerwerk war eine richtige Choreographie – wie im Ballett haben da die Sterne im Takt getanzt. Es war so unglaublich schön. Und vor allem auch recht lang: fast 20 Minuten. Und ich hab total vergessen, wie kalt mir war. Und von wegen sparen und Umweltgeschichten und so - da hat Kanada uns die Woche ja allen gezeigt, was sie davon halten. Übrigens ein Entscheidung, die kein Mensch - also auch kein Kanadier hier so richtig nachvollziehen kann geschweige denn womöglich unterstützt. Eigentlich schämt man sich eher. Zu Recht.

Als das dann vorbei war, fiel mir die Kälte aber doch wieder ein und wir sind dann eben doch gleich nach Hause gegangen. Unter anderem auch, weil wir ja am Sonntagmorgen vor 6h schon raus mussten.

Bei schnuckeligen -11° ging es dann am Sonntagmorgen also mit dem Bus in die etwa zweieinhalb Stunden entfernte Hauptstadt des Landes: Ottawa. Dort waren es dann noch schnuckeligere -15°. Auf meinen Fotos seht ihr, dass mir der Schal fast bis über die Nase geht und die Mütze nur kurz drüber wieder anfängt. Ui, war das kalt. Aber es war so super schön sonnig und strahlend blauer Himmel!
Ottawa hat nur gute 800 000 Einwohner und wurde vor allem aus strategischen Gründen Hauptstadt, da es sich genau an der Grenze zwischen Ontario und Québec befindet und damit an der Grenze zwischen französischer und englischer Region. Ottawa selbst ist englischsprachig, aber eigentlich kann eh jeder auch französisch dort, was ich so gesehen hab.
Wir haben eine Führung im Parlament gemacht, wo neben den ganzen wichtigen Regierungssachen vor allem eins aufgefallen ist: die Weihnachtsbäume. Die Gänge entlang, in den Hallen und großen Sälen, überall Weihnachtsbäume. Von der Aussichtsplattform des Peace Towers hat man ne super Sicht über die ganze Stadt.
Dann haben wir uns was zu essen gesucht und sind dann am Ausgang über ein Schild gestolpert, auf dem was von kostenlosen Kutschfahrten stand. Gut, dachten wir uns. Wenn das kostenlos ist, dann machen wir das. :) In der Hoffnung, vielleicht an was Interessantem vorbei zu fahren. Aber nein, im Grunde sind wir nur ne Viertelstunde in der Kälte durch Straßen gefahren, die wir vorher eigentlich schon selber entlanggelaufen sind. Aber es war kostenlos.
Danach ging es weiter zum Museum der Zivilisation. So eins haben wir in Québec damals schon angeschaut. Das in Ottawa ist aber viel größer und ganz bekannt. Und das hat sich auch wirklich gelohnt. Ein riesiger Bereich auf der untersten Etage beschäftigt sich ausschließlich mit den Ureinwohnern. Und wenn man dann an die Kälte draußen denkt, wundert man sich, dass in solchen Gebieten der Erde überhaupt Menschen sesshaft geworden sind. Wozu das Ganze? Also wir sind ja auch noch recht südlich. Die ganzen Eskimos und so…warum bleiben die Jahrtausende da oben, wenn sie doch einfach gen Süden in Richtung Florida hätten wandern können? Da hat wohl wer nicht mitgedacht, damals… :)
Dann haben wir noch die Kanada-Halle angeschaut, die dann eine Art Nachbau der kanadischen Städte im Laufe der Jahrhunderte beinhaltete. Man lief da tatsächlich durch Häuser, über Marktplätze, es gab eine Schule, eine Kirche, Läden und Werkstätten, ganze Schiffe standen da! Ein riesiger Komplex. Und sehr gut gemacht. Sehr interessant.
Das Museum ist übrigens genau genommen nicht in Ottawa selbst, sondern einmal zu Fuß über die Brücke auf der anderen Seite des Flusses, wo schon wieder französischsprachiges Québec liegt.

Ja, danach sind wir dann eine gefühlte Ewigkeit zurück zum Bus gelaufen. Und dabei hab ich wieder etwas Neues über die Sprache unserer österreichischen Nachbarn erfahren: Ich musste sooo lachen, als Lisa erzählte, dass ihr Handyvertrag hier auf ihren Namen "rennt". Bei denen rennen Verträge. Also dass sie laufen ist ja an sich auch schon doof, aber rennen! Ich musste so lachen! :) In Montréal angekommen, wurde es schon wieder so traurig: Julia fährt heut Abend noch nach New York und kommt erst in ein paar Tagen wieder, wenn Christina und Lisa schon zu Hause sind. Also gab es wieder einen Abschied (Julia bleibt ja das ganze Jahr). Wie gut, dass mir noch ein paar Tage Zeit bleiben bis hin…

So, und mittlerweile bin ich wieder aufgetaut. Wir waren ja alle angezogen wie die Michelin-Männchen, was zur Folge hatte, dass uns nicht sooo kalt war, dass wir uns andererseits aber auch nicht mehr haben bewegen können. Ein Spaß. Aber es soll ja eh wieder wärmer werden. Und was nützt uns auch die Kälte, wenn kein Schnee liegt?

Also dann, ich bin jetzt echt platt, es war ein toller aber langer Sonntag. Die nächste Woche wird ganz verrückt – mit so vielen Abschieden und dann ist ja auch Weihnachten. Ohne Geschenke zu verteilen, ohne Weihnachtsbaum zu schmücken, ohne Omas Weihnachtsgans zu verputzen, ohne mit Peter in die Kirche zu gehen, ohne Gitarre und vor allem: ohne Euch. Hoffentlich kann ich mich gut beschäftigen.

Also dann, euch eine schöne Woche und bis zum nächsten Mal. Habt ein frohes Fest und esst nen Happen für mich mit!

Ho ho ho und hallelujah.

Die Franzi

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